Ein Tag an der Voßstraße in Emsdetten...
Seit inzwischen 15 Jahren leben sieben Menschen mit Unterstützungsbedarf in der ehemaligen Polizeiwache an der Voßstraße in Emsdetten. Das Haus ist heute ein inklusiver Wohnort, in dem Menschen mit und ohne Behinderung Tür an Tür leben. Doch wie sieht der Alltag dort aus?
Ein Nachmittag in der Voßstraße gibt Einblick in das Ambulant Unterstützte Wohnen der Lebenshilfe im Kreis Steinfurt – und zeigt, wie vielfältig und lebendig dieser Alltag ist:
An diesem Nachmittag führt der Weg zunächst die Treppe hinunter in den Keller der Voßstraße. Aus dem kleinen Büro dringt Kaffeeduft, leise Stimmen sind zu hören. Claudia Ikemann grüßt mit einem fröhlichen „Kaffee? Laugenbrezeln? Lakritz?“ – und genau so unkompliziert geht es weiter. Die Heilerziehungspflegerin arbeitet seit 2013 im Ambulant Unterstützten Wohnen (AUW) der Lebenshilfe Emsdetten. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Britta Marx und Lukas Antemann nutzt sie die ruhige Zeit vor 17 Uhr: Noch sind die Mieterinnen und Mieter, die von der Lebenshilfe unterstützt werden, bei der Arbeit. „Die meisten Menschen, die wir unterstützen, arbeiten in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, kurz WfbM,“ erklärt Claudia Ikemann. Sie schaut auf die Uhr: „Elisa müsste schon zu Hause sein. Sie arbeitet auf dem regulären Arbeitsmarkt in einer Wohngruppe für Seniorinnen und Senioren.“
Die „Voßstraße 12“ ist kein Haus der Lebenshilfe und kein stationäres Wohnangebot. Die Menschen, die hier leben, wohnen in selbst angemieteten Wohnungen der WG-Ems. Die Unterstützung erfolgt flexibel, individuell und nur stundenweise – ein Modell, das Selbstbestimmung in den Mittelpunkt stellt.
„Mir gefällt die tolle Hausgemeinschaft hier“, sagt Claudia Ikemann. „In dem Haus leben sieben Menschen, die wir unterstützen – und daneben weitere Mieterinnen und Mieter. Der Kontakt ist sehr gut, ein echtes Miteinander.“
Gegen 17 Uhr wird es lebendig im Treppenhaus. Türen klappen, Schritte hallen, die Menschen kommen von der WfbM nach Hause. „In Ruhe ankommen ist für alle wichtig“, erklärt Claudia. Erst einmal Durchatmen, Schuhe aus, die Beine hochlegen – später stehen dann die vereinbarten Unterstützungstermine an.
Im Erdgeschoss des Hauses lebt eine Frauen-Wohngemeinschaft. Christina Dittert, Franziska Wilken, Elisa Eilinghoff und Sylvia Funke haben alle ihr eigenes Zimmer und teilen sich die gemütlichen Wohnküche. Während Britta Marx zunächst zu Anna Pletzer geht, die ebenfalls im Erdgeschoss lebt, unterstützt Claudia an diesem Tag die WG beim Wocheneinkauf.
„Jeder kann Wünsche äußern, bezahlt wird aus der WG-Kasse. Nur ganz persönliche Extras – meistens Süßigkeiten oder eine Fernsehzeitschrift – zahlt jeder selbst“, erzählt sie.
Bevor Christina und Claudia mit dem „Hackenporsche“ losziehen, steht noch die wöchentliche WG-Sitzung an. Besprochen werden Badzeiten („Klassiker in jeder WG!“, lacht Claudia), Pläne für Silvester („Wir wollen dieses Jahr wieder groß feiern!“, sagt Christina entschlossen) – und alles, was den Frauen wichtig ist.
„Wichtig ist, dass Probleme offen angesprochen werden“, sagt Claudia. Gesprächsführung, Motivation und Konflikte lösen gehören genauso zur Arbeit wie Einkaufen oder Haushalt.
Währenddessen falten Britta Marx und Anna gemeinsam Wäsche. Anna gibt Tipps: „Mach das lieber so, dann gucken die Zipfel nicht raus!“ Britta lacht: „Stimmt, viel besser so.“
Anna lebt „Tür an Tür“ mit der WG. Dadurch hat sie die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, wenn sie Ruhe braucht. Die Entscheidung für mehr eigenen Raum entstand aus veränderten Bedürfnissen und zeigt, wie individuell das Ambulant Unterstützte Wohnen gestaltet werden kann. Ihr Appartement ist ein gemütlicher, persönlicher Ort mit rotem Sofa, Erinnerungsfotos und einem Wochenplan an der Wand. „Hin und wieder vergesse ich Dinge“, erklärt Anna. Deshalb nutzt sie viele kleine Helfer: Handy-Erinnerungen, Fotos leerer Lebensmittelverpackungen als Einkaufsliste, mehrere Wecker am Morgen. „Dann weiß ich: Aufstehen, Fenster zu, zum Bus.“
Britta kommt einmal pro Woche zu ihr. „Dann machen wir das, was ansteht – Wäsche, Haushalt, Kochen, Einkaufen.“
Die Unterstützung wird vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) individuell bewilligt. Fachkraftstunden und Assistenzstunden ergeben ein Paket, das genau auf die Bedürfnisse der Menschen abgestimmt ist.
„Es geht um möglichst viel Selbstständigkeit“, erklärt Britta. „So viel Unterstützung wie nötig, so wenig wie möglich.“
Später ist in der WG bereits wieder Leben in der Küche. Christina und Claudia sind vom Einkauf zurück. „Oh, der leckere Joghurt!“, freut sich Mitbewohnerin Franziska. „Und ganz schön viele Bananen …“ Es wird ausgepackt, gelacht, erzählt. Man spürt sofort: Die Frauen fühlen sich wohl.
Franziska lebt seit etwa einem Jahr in der WG. „Vorher habe ich bei meinen Eltern gelebt. Umzuziehen war eine große Umstellung, aber ich kann sie ja jederzeit besuchen.“
Nach dem Auspacken des Einkaufs zieht sich Elisa kurz auf die Couch zurück. Mit einer Tasse Tee macht sie es sich gemütlich und gönnt sich eine Pause. Am Abend steht noch etwas an, auf das sie sich freut: ihr regelmäßiger Tanzkurs. „Ich tanze schon sehr lange, das macht mir richtig Spaß!“, erzählt sie.
Auch Tobias König, der in einer Einzelwohnung im Obergeschoss lebt, kommt vom Einkaufen nach Hause – mit Bollerwagen. Den Einkauf räumt er selbst ein. „Dabei brauche ich keine Hilfe“, sagt er selbstbewusst. Seine Wohnung verrät sofort, wofür er sich begeistert: Wrestling, Sport, Borussia Dortmund. Jeden Tag fährt er mit dem Fahrrad zur Werkstatt – bei Wind und Wetter.
An Weihnachten ist er bei seiner Familie. Auf seine Wünsche angesprochen, überlegt er kurz: „Ein Rubbellos-Adventskalender wäre cool. Oder mal eine Wrestling-Show live sehen!“
Was an diesem Nachmittag besonders auffällt: Es ist einfach Alltag – wie in jedem anderen Zuhause auch. Echtes Leben. Mit Wäschebergen, WG-Diskussionen, Einkauflisten, Musikstunden und Sporthobbys. Und mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die ihre Arbeit mit Herz, Humor und Professionalität machen.
Zwischen Lachen, Alltagssituationen und kleinen Momenten wird deutlich:
Ambulant Unterstütztes Wohnen bedeutet Begleiten, Stärken, Ermöglichen und Motivieren.
Und immer wieder gehört auch Dokumentation dazu. „Am Ende jedes Termins wird alles festgehalten“, erklärt Britta.
Im Gespräch wird deutlich, wie sinnstiftend diese Arbeit ist – und dass engagierte Menschen dringend gebraucht werden.
„Es ist hier nie langweilig“, sagt Claudia Ikemann. „Kein Tag ist wie der andere. Und die kleinen Erfolgserlebnisse im Alltag – die machen den Job so schön.“
Wer im Ambulant Unterstützten Wohnen arbeitet, begleitet Menschen in ihren eigenen Wohnungen, unterstützt sie beim selbstständigen Leben und ist Teil ihres Alltags.
Die Lebenshilfe im Kreis Steinfurt sucht Fachkräfte (z. B. Heilerziehungspflegerinnen, Erzieherinnen, Heilpädagoginnen, Sozialpädagoginnen) sowie Assistenzkräfte ohne pädagogische Ausbildung.
Als es draußen dunkel wird, geht oben ein Fenster auf. Ein fröhliches „Tschüüüss!“ hallt in den Innenhof. In der WG läuft der Fernseher, Anna übt Blockflöte.
So viel Normalität – genau das macht diese Art des Wohnens aus.